2. März Madame Butterfly, Oper von Giacomo Puccini im Staatstheater Kassel

1904 wurde in der Mailänder Scala Puccinis Oper „Madame Butterfly“ uraufgeführt:
Im Mittelpunkt der Geschichte, die in Nagasaki spielt, steht die Geisha Cio-Cio-San. Madame Butterfly“ wurde zur populärsten und meist gespielten Oper des italienischen Komponisten Giacomo Puccini (1858-1924). Weltweit gehört das Werk noch heute zu den beliebtesten Stücken der Opernliebhaber.
Kurzinhalt:
Der amerikanische Marine-Offizier Pinkerton hat sich in die 15-jährige Cio-Cio-San verliebt. Die beiden feiern eine Hochzeitszeremonie nach japanischer Sitte. Für den Amerikaner ist das Ganze eine unterhaltsame und exotische Affäre – für die junge Geisha Cio-Cio-San, genannte Butterfly (Schmetterling), ist es die große Liebe. Pinkerton muss wieder zurück in die USA und Cio-Cio-San wartet jahrelang sehnsüchtig auf seine Rückkehr.
Sie erzieht den gemeinsamen Sohn mit großer Liebe und erzählt dem heranwachsenden Kind viel vom Vater, der bald wieder kommen wird. Als sein Schiff ankommt ist Cio-Cio-San ist außer sich vor Freude über das Wiedersehen. Doch Pinkerton ist nicht alleine zurück nach Japan gekommen. Er hat seine amerikanische Frau mitgebracht und will sein Kind holen. Butterfly muss erkennen, dass er sie nur als Freudenmädchen betrachtet hat. Sie fühlt sich entehrt und gedemütigt und begeht mit dem Dolch ihres Vaters Harakiri. Die entscheidenden Worte, die sie vor ihrem Tod ausspricht, sind: „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger mehr leben kann in Ehren.“ Es ist die Inschrift auf dem Dolch ihres Vaters, der vor vielen Jahren ebenfalls den Freitod gewählt hat.
In Kassel erwartete uns eine etwas eigenwillige Interpretation dieser Oper.
Zunächst ein Zitat aus der Frankfurter Rundschau:
Bei der Kasseler Neuinszenierung von Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ wird diese Oper ziemlich dekonstruiert. Regisseur Jan-Richard Kehl macht daraus einen Opernabend über Traumatisierungen. Diesem Konzept fällt zwar die Handlungslogik zum Opfer, dafür ergeben sich aber spannende Einsichten.
Bitte, was???
Wenn man in eine Oper geht weiß man in der Regel mehr oder weniger vorher, um was es inhaltlich geht. Denn das gesungene Wort – ob in Deutsch oder Originalsprache – ist jeweils schlecht zu verstehen. Heutzutage gibt es ja oftmals eine Einführung vor Beginn der Oper, aber nicht um die Musik oder den Inhalt zu erklären, nein, die abstrusen fragwürdigen Einfälle der Regisseuren sollen dem geneigten Publikum näher gebracht werden. Einige wenige unserer Gruppe nahmen auch um 19.00 Uhr im Staatstheater an einer Einführung teil, und konnten daher auch dem seltsamen Geschehen auf der Bühne besser folgen. Der Pressefritz der FAZ hat wohl an keiner Einführung teilgenommen – er sprach von einer kryptisch schwer zu verstehenden fragwürdigen Aufführung. (Womit er recht hatte!)
Im Programmheft ist von einer Vermischung von Zeit und Geschichte die Rede. Die Figur der Madame Butterfly wird gedoppelt: einmal als Butterfly Cio-Cio-San und einmal als Butterflys Seele oder Geist, die als junge Frau in erster Linie körperlich präsent ist und stumm agiert, während die singende Cio-Cio-San in verschiedenen Lebensphasen erscheint –  zwischen eleganter amerikanischer Dame, als atomar verseuchte, gealterte Frau und als alte Frau mit Strickmütze und Pelzmantel.

An den wundervollen Stimmen gab es nichts zu kritisieren, allen voran die irische Sopranistin Celine Byrne als singende Butterfly Cio-Cio-San. Immerhin sprach der schwedische Dirigent Joakim Unander von einem gelungenen mutigen Konzept. Na gut.
Bei der Premiere sollen einige Zuschauer in der Pause gegangen sein und und am Ende habe es Buhrufe für den Regisseur gegeben. Ich wäre auch gegangen. Oder hätte die Augen geschlossen um nur Puccinis Musik zu lauschen.
Man spricht heutzutage in Deutschland bei den meisten Operninszenierungen von „Regietheater“, das heißt, es wird vom eigentlichen Werk abgelenkt, der Regisseur macht was er will, verlegt die Handlung willkürlich an andere Orte und in andere Zeiten – Sex, Blut und Crime inbegriffen. Und das, um zu provozieren und um Aufmerksamkeit zu erregen. Und die Musik? Keiner spricht von der wundervollen Musik, um die geht’s doch in erster Linie, oder?

Giuseppe Verdi wohnte zu Lebzeiten jeder Opernprobe bei und wenn seinen Anweisungen nicht befolgt wurden, klopfte er mit seinem Stock wütend auf die Bühne. Er würde sich im Grab umdrehen, wenn er seine „Aida“ als Putzfrau oder „Traviata“ als Domina erleben müsste.
Auch die „Carmen“ in Wiesbaden war schon sehr grenzwertig: als sich zu Beginn der Vorhang hob, dachte man zunächst, dies sei verfrüht, denn Herren im Blaumann und Damen in Leggins bevölkerten die Bühne. Aber ein, das waren Carmens Zigeuner!

Warum machen die Sänger das mit? Anna Netrebko, sonst nicht so zimperlich, hat die Zusammenarbeit vor einiger Zeit mit dem berühmt-berüchtigten Regisseure Hans Neuenfels in München verweigert – sie kann sich das leisten. Wagen das andere Akteure nicht?
Aber es gibt Hoffnung: es ist zu lesen, dass traditionelle Opernaufführungen wieder auf dem Vormarsch seien, dann mal los.
Das ist meine Meinung!
Gisela Schmiedel