Der Freischütz im Stadttheater Gießen

Am 19. Januar 2013 besuchte der Kulturring Allendorf e.V. das Stadttheater Gießen. Gespielt wurde „Der Freischütz“ – eine Romantische Oper in drei Akten von Carl Maria von Weber.

Der Freischütz wurde am 18. Juni 1821 im Königlichen Schauspielhaus Berlin mit triumphalem Erfolg uraufgeführt und wurde in der Musikkritik schon zu Webers Lebzeiten und auch danach als die „erste deutsche Nationaloper“ bezeichnet.

An den Inszenierung des Stadttheaters Gießen schieden sich allerdings die Geister. Lauter Jubel galt durchweg den Solisten, Chor und Symphonikern mit dem neuen (und alten) Generalmusikdirektor Michael Hofstetter an der Spitze.

Der englische Starregisseur Nigel Lowery aber musste sich am Ende der Premiere am 15. Sept. 2012 im Stadttheater Gießen am Samstag auch etliche empörte Buh-Rufe anhören. (aus der „Wetzlarer Neuen Zeitung“ vom 18.09.2012)

Auszug aus „Der Opernfreund“ („Der Opernfreund“ ist die älteste deutsche private Opernzeitung und gehört zu den meistgelesenen Opern-Homepages.)

Der Gedankenwelt eines Sigmund Freud scheint die Neuproduktion von Webers „Freischütz“ am Stadttheater Gießen entsprungen zu sein. Der britische Regisseur Nigel Lowery will von altbackener Schauerromantik im traditionellen deutschen Märchenwald Gott sei Dank nichts wissen. Sein Ansatz ist vielmehr psychoanalytischer Natur.
Im letzten Bild offenbart sich, dass die Handlung in einer Nervenheilanstalt angesiedelt ist, deren Leiter der als Psychiater vorgeführte Eremit ist. Weitere, ebenfalls von Nigel Lowery entworfene Spielorte sind der Schützenverein des ersten Aufzuges, dem Kuno, der Erbförster, als eine Art Wildwest-Sheriff vorsteht, und der Waffenladen, der im zweiten Akt an die Stelle des Jagdschlosses tritt.
Den Regisseur interessiert das Seelenleben der Handlungsträger, die allesamt als Patienten der Psychiatrie aufzufassen sind. Die Person des schwarzen Jägers Samiel hat er ganz gestrichen und seinen Text Max überantwortet. Zwei Seelen wohnen also in der Brust des jungen Jägerburschen, eine gute und eine böse, die erbittert um die Vorherrschaft kämpfen.

So ist auch die Wolfsschluchtszene nicht als reales Geschehen zu verstehen. Max erscheint in der Maske eines Terroristen zum Gießen der Freikugeln, während er in einer Videoprojektion mit seinem Gewehr die Schülerinnen eines Mädcheninternats gnadenlos niedermetzelt. Beim berühmten Jägerchor: „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen“ unterhält eine auftretende Table-Tänzerin die halbnackten Mitglieder des Schützenvereins. Und das Böse erscheint überall, auch dort, wo man es am wenigsten erwartet: bei den zombiehaft und dämonisch anmutenden Brautjungfern, deren Lied vom Jungfernkranz den Charakter eines Totengesanges annimmt.

Den immer wieder durch die Szene geisternden alte Schützenkönig Ottokar hat der Kampf um Gut und Böse bereits in den Wahnsinn getrieben und Max, der zuvor mit Kaspar einen Teil seines eigenen Ichs erschossen hat und deshalb in Verzweiflung verfällt, endet in der Gummizelle der Nervenheilanstalt. Entgegen der Vorlage des Librettisten hat der Eremiten-Arzt kein Erbarmen mit ihm – ein sehr pessimistisches Ende.

Insgesamt haben wir es hier mit einer ungemein spannenden, geistig anspruchsvollen und hoch innovativen Inszenierung zu tun, die Nigel Lowery als  versierten modernen Regisseur ausweist. Das war hochkarätiges Musiktheater, wie es sein soll! Dem Theater Gießen kann man dazu nur gratulieren. Solchen Inszenierungen gehört die Zukunft. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass auch an kleinen Opernhäusern hervorragende Produktionen geschaffen werden, die die Rezeptionsgeschichte eindrucksvoll ergänzen.

Soweit die Kritik des stellvertretenden Chefredakteurs von „Der Opernfreund“ Ludwig Steinbach.

Zitat einer jungen Besucherin aus Allendorf/Lda. am Ende der Vorstellung:

Wir nehmen den Freischütz gerade in der Schule durch – ich habe ja nichts mehr wieder erkannt.

Hier einige Bilder der Vorstellung (Fotos: Rolf K. Wegst).